Pressemitteilung vom 5. November 2006
Wie reagieren Männer auf Fehlgeburten?
www.maennerstudie.de sucht Studienteilnehmer für Tabuthema
Eine neue Studie der Universität Witten / Herdecke möchte erforschen, wie Männer auf Fehlgeburten reagieren. Bisher sind dazu fast ausschließlich Frauen befragt worden. Auf der Internetseite www.maennerstudie.de können nun auch Männer anonym ihre Gefühle und Emotionen beschreiben. Die Studie wird von Christoph Hemcke, Oberarzt für Frauenheilkunde an den Städtischen Kliniken Dortmund, geleitet. Er kennt daher die Situation nur zu gut: „Als Arzt konzentriere ich mich in der Akutsituation einer Krise in der Schwangerschaft natürlich auf die Frau, sowohl medizinisch wie mitmenschlich. Die Männer müssen dann sehen, mit wem sie reden können.“ Und das möchte er nun in seiner Doktorarbeit an der Universität Witten / Herdecke erforschen. Bisher liegen – wenn überhaupt – nur veraltete Studien vor. „Es gibt keine Betreuungsangbote, keine Selbsthilfegruppen, wir wissen nicht, wie Männer den Verlust eines ungeborenen Kindes verarbeiten. Das möchten wir herausbekommen“, beschreibt Hemcke seinen Ansatz.
Die Rolle des Mannes in einer Schwangerschaft ist ja in den letzten Jahren eine andere geworden: Sie begleiten oft die Frauen auch zu den frühen Untersuchungen in der Schwangerschaft. Dabei bekommen sie das ungeborene Kind in immer besseren Bildern zu sehen, denn die Ultraschall-Technik hat rasante Fortschritte gemacht. So kann auch ein Mann heute ein ganz anderes Gefühl für das kommende Kind entwickeln. „Jeder Vater reagiert ja auf die Schwangerschaft anders, der eine denkt an die Versicherungen für das Kind, der andere plant schon mal das Kinderzimmer und malt sich aus, wo die Carrerabahn hin kommt. Wenn dann plötzlich der Fötus im Mutterleib abstirbt, gibt es keinen Ort für diese Trauer. Darüber wüssten wir gerne mehr“, berichtet Hemcke, der selber drei Kinder hat und nicht betroffen ist.
Weitere Informationen bei Christoph Hemcke 0173-760 5000, christoph.hemcke@klinikumdo.de, www.maennerstudie.de
Exposé zum Antrag auf Zulassung als Promovend an der medizinischen Fakultät der Universität Witten/Herdecke
Forschungsfrage
Seit der vor einigen Jahren in vielen Krankenhäusern eingeführten Möglichkeit zur anonymen Bestattung von Fehlgeburten in einem Sammelgrab, ist uns aufgefallen, dass die Trauer und das Erleben der Väter in diesem Kontext bisher kaum Berücksichtigung finden.
Dabei ist die Beziehung von Vätern zu Ihrem Kind nicht etwas, was plötzlich mit der Geburt beginnt. Vielmehr stellt die innere Auseinandersetzung der Väter mit dem realen Kind einen Prozess dar, der bereits mit der Schwangerschaft beginnt. Die Phantasien der Eltern von der zukünftigen Dreier- oder Mehrpersonenbeziehung spielen auch schon während der Schwangerschaft eine zentrale Rolle. Das „imaginäre“ Kind hat bereits einen Platz in der Familie und Generationenfolge eingenommen. In der Schwangerschaft entwickelt sich nicht nur der Embryo bzw. Fötus im Mutterleib, sondern sie dient auch als psychologische Vorbereitungszeit für die Väter auf ihre Elternschaft und ihre Beziehung zum Kind. Für beide Eltern finden soziale Veränderungen statt.
In der Gesellschaft ist der Anspruch entstanden, die Väter intensiv mit in die Schwangerschaft einzubeziehen. Frühe Ultraschalluntersuchungen, zum Teil bereits im 3D- und 4D- Modus, werden sehr viel häufiger als vor einigen Jahren in Anwesenheit der Väter durchgeführt, so dass der Fötus auch von diesen direkt erlebt wird.
Die Erfassung des Erlebens einer Fehl- bzw. Totgeburt der Väter ist unter Berücksichtigung der oben genannten Punkte kaum untersucht. Die pränatale „Vater-Kind-Beziehung“ bleibt bei der Betreuung von Müttern nach Fehlgeburten unberücksichtigt.
Ziel der Studie ist es, die Trauer und das Erleben nach Fehl- und Totgeburten von Vätern zu erfassen und gegebenenfalls geschlechtsspezifische Besonderheiten herauszuarbeiten.
Forschungsstrategie
Ein direktes Ansprechen der Väter im Rahmen meiner Tätigkeit als Oberarzt in der Frauenklinik des Allgemeinen Krankenhauses Hagen erschien mir aufgrund der zeitlichen Enge und der Akutsituation nach einem solchen Ereignis nicht sinnvoll. Die Basis für ein vertrautes Gespräch zwischen Arzt und Betroffenen ist meist nicht vorhanden und kann in den allermeisten Fällen aufgrund der ambulanten Behandlung auch nicht hergestellt werden. Auch ist die Fallzahl sehr begrenzt.
Da eine möglichst große Anzahl von betroffenen Vätern erreicht werden soll, habe ich mich entschieden, die Daten in Form einer Online-Umfrage über das Internet zu sammeln. Hier bleiben die Teilnehmer anonym und können ein eigenes Tempo bei der Beantwortung der Fragen bestimmen. Auch werden so Väter erreicht, bei denen das Ereignis schon längere Zeit zurückliegt.
Der dazu entworfene Fragebogen ist als Anlage beigefügt. Als Messinstrument zur Erfassung von Trauer nach dem Verlust eines ungeborenen Kindes ist die „Münchner Trauerskala“ (MTS) integriert, eine erweiterte, validierte deutsche Übersetzung der „Perinatal Grief Scale“ (PGS).
Mittels geschlossenen Fragen, Matrixfragen und einigen offenen Fragen zum oben genannten Thema sollen die Daten zusammengetragen werden.
Über eine eigens dafür entworfene Homepage mit weiteren Informationen zum Thema und über meine Person gelangen die Teilnehmer über einen Link zum genannten Fragebogen, der mittels eines Online-Umfrage-Tools, z.B. der Firmen Askallo oder polliscope.de, erstellt wird. Hieraus lassen sich die erhobenen Daten direkt statistisch weiterverarbeiten.
Die Teilnehmer werden innerhalb dieses einfachen Prozesses auf die Dauer und Länge der Umfrage aufmerksam gemacht sowie auf die anonyme Datenerhebung und die Verwendung der Daten im Sinne des Datenschutzgesetzes.
Die öffentliche Bekanntmachung der Studie soll über direktes Anschreiben beratender Organisationen wie der Caritas, Diakonie oder Pro Familia, aber auch mittels eines Pressetextes über den Verteiler der Universität Witten/Herdecke an Tageszeitungen, Magazine und andere Organisationen, stattfinden. Ebenfalls soll der Link in passenden Internetforen platziert werden.
Die Freischaltung der Homepage und damit der Start der Online-Umfrage ist nach den Sommerferien 2006 für die Dauer von ca. 4 Monaten geplant, sodass Anfang 2007 mit der Auswertung begonnen werden kann.